16. Abteilung mit Raed Saleh und der AfB Mitte in der Ernst-Schering-Schule

Text: Nike Marquardt

Die AfB Mitte und die örtliche SPD-Abteilung Grünes Dreieck haben am 20.05.2014 gemeinsam zum Besuch der Ernst-Schering-Oberschule im Wedding eingeladen. Eine Veranstaltung, die außerordentlich gut und prominent besucht ist. Neben dem Fraktionsvorsitzenden der SPD im Berliner Abgeordnetenhaus, Raed Saleh, nehmen zudem der Wahlkreisabgeordnete und bildungspolitische Sprecher der SPD-Fraktion im Abgeordnetenhaus, Ilkin Özisik, und der bildungspolitische Sprecher der SPD-Fraktion in der BVV Mitte, Fevzi Gün, an der Schulführung und anschließenden Diskussion teil.

Auf der Tagesordnung stehen die Herausforderungen einer Sekundarschule ohne eigene Oberstufe und die Potenziale des Bonusprogramms für eine Weddinger Schule.

ESS Schulhof

Die Ernst-Schering-Schule im Brüsseler Kiez erstreckt sich über mehrere Hinterhöfe, von außen vermutet man gar nicht, welch großes Schulareal sich hinter der denkmalgeschützten Fassade verbirgt. Das 100-jährige Gebäude wurde im Zweiten Weltkrieg nicht zerstört und diente zeitweise als Lazarett, wie man vom Schulleiter Hilmar Pletat erfährt. Zurzeit wird es parallel zum Unterricht saniert, zum ersten Mal nach 40 Jahren. Manche Räume sind noch im Originalzustand, den Unterschied merkt man deutlich beim direkten Vergleich zweier Chemieräume. Der neue entspricht bereits den modernen Anforderungen. Zwar ist er auf Frontalunterricht ausgelegt und nicht auf interaktiven Unterricht, aber die Lehrerinnen und Lehrer wollen sich nicht beklagen. Andere Bereiche der Schule stehen nicht so gut da. Der Schulball muss dieses Jahr erstmals außerhalb der Schule stattfinden, Grund sind Statikprobleme der Aula.

Aber die ESS hat mit ihren ca. 500 Schülern vor allem ein Platzproblem. Ein benachbartes Wohngebäude wurde bereits einverleibt, doch mehr Möglichkeiten, Raum zu schaffen, gibt es leider nicht. Das Lehrerzimmer dient den Lehrern lediglich als Ablagefläche, arbeiten können sie dort nicht. Das Problem ist das Musterraumprogramm, da sind sich die Schulleitung und die AfB einig. Sie ist für Altbauten von Nachteil, weil diese keine funktionalen Zweckbauten sind und viel Fläche, die bei der Bedarfsermittlung eingerechnet wird, in Wirklichkeit gar nicht genutzt werden kann. Das Programm ist besonders nachteilig für Brennpunktschulen wie die ESS.
ESS Aula

Neben der immerwährenden Raumnot stellt sich der Lehrkörper im täglichen Schulbetrieb jedoch noch weiteren Herausforderungen. Im frisch sanierten Chemieraum teilen anwesende Lehrer und Schüler ihre Sorgen und Wünsche ganz offen mit den politischen Vertretern und den zahlreichen interessierten Besuchern. Die Heterogenität, die kulturelle Vorprägung mancher Kinder, die die Bedeutung von Schulbildung verkennt, zunehmende Leistungsschwäche und fehlende Sprachkenntnisse machen den Lehrern zu schaffen. Ein gravierendes Problem ist darüber hinaus die Situation der Flüchtlingskinder, die sich teilweise ohne ihre Eltern in Deutschland aufhalten, und jener Kinder ohne feste Bleibe. Diese werden von der Stadt in Hostels untergebracht und müssen häufig umziehen. In diesen Fällen erreicht die Schule die Eltern nur schwer und die Schulpflicht kann oft faktisch nicht durchgesetzt werden. Dabei kostet es den Bezirk ca. 4.000 Euro im Monat, eine Familie in einem Hostel unterzubringen, während eine Wohnung, und damit eine ständige Bleibe, im Vergleich nur rund 1.000 Euro kosten würde, gibt eine Lehrerin zu bedenken. „Es geht uns schon lange nicht mehr darum, Wissen zu vermitteln, sondern darum, die Schüler zu motivieren“, fasst eine Lehrkraft zusammen.

Die Schule bedient sich hierzu vor allem der Darstellenden Künste. Es ist die beste Möglichkeit, die Schüler zu erreichen und ihre Leistung zu steigern. Jährliche Theaterstücke, Tanzvorführungen und Verfilmungen haben sich als erfolgreiche Methode bewährt. Spielerisch bilden ist das Motto. Das neuste ist ein Anti-Gewaltprojekt in Zusammenarbeit mit der amerikanischen Botschaft. Eine ganze Klasse hat hier mitgewirkt. Entstanden ist ein Film, der am 24. Juni um 16:30 im Babylon Kino in Berlin-Mitte präsentiert wird.

Eine weitere Besonderheit der Ernst-Schering-Schule ist das „Produktive Lernen (PL)“. Ca. 20 Berliner Schulen bieten diesen Ansatz an. PL bedeutet zwei Tage die Woche klassischen Unterricht und drei Tage Praktikum. Das Schuljahr gliedert sich hier in Trimester und das Programm erstreckt sich insgesamt über zwei Jahre. Die Jugendlichen lernen Verantwortung, erwerben praktische Kenntnisse für den späteren Beruf und können begeistert werden für das, was sie tun. Das funktioniert gut.

Die Situation an Brennpunktschulen ist für so genannte Quereinsteiger oft eine nicht zu meisternde Herausforderung. Es erfordert viel Geduld und Hingabe, um erfolgreich arbeiten zu können. Mit der Inklusion sind die Anforderungen noch einmal gestiegen. Eigentlich bräuchten die Kiezschulen zwei Lehrer pro Klasse, meint Schindler.

Trotz der bestehenden Herausforderungen erhielt die ESS bei der letzten Schulinspektion zahlreiche „A“-Noten, was sowohl Lehrer als auch Schüler sehr stolz macht. Und die Ergebnisse sollen noch besser werden. Dabei soll das Bonus-Programm helfen. Herr Pletat begrüßt außerordentlich, dass die Schulen bei diesem Programm selber entscheiden können, wie sie die Mittel bedarfsgerecht einsetzen. Die ESS plant ein der Persönlichkeitsfindung dienendes Kompetenztraining für die 7.-8. Klasse, einen externen Sozialraum im Pfefferwerk und den Einsatz eines weiteren Schulpsychologen, um die Wartezeiten zu verkürzen. Die Schüler haben eigene Vorstellungen: Sie wünschen sich eine Klassenfahrt ins Ausland und eine Verschönerung des Schulhofs.

ESS Chemieraum

Raed Saleh nimmt die Hinweise und Wünsche von Lehrern und Schülern mit. Er bestärkt sie in ihren Forderungen: Schulen mit mehr Bedarf müssen besser ausgestattet werden, Bildungspolitik muss auf Einwanderungspolitik abgestimmt werden. Eltern müssen stärker zur Verantwortung gezogen werden, wenn sie der Schulpflicht ihrer Kinder nicht nachkommen. Zudem muss der Bürokratieaufwand bei der Inanspruchnahme von kostenlosem Nachhilfeunterricht im Rahmen des Bildungs- und Teilhabepakets entbürokratisiert werden.
Diese und viele weiteren Themen werden auch auf dem Fachtag „Umgang mit Vielfalt in Schulen“ am 11.06. von 14:30-17:30 in der Ernst-Schering-Schule weiter erörtert werden. Hierzu lädt die ESS herzlich ein. Denn bis in der Berliner Bildungslandschaft nichts mehr an ein Lazarett aus dem Zweiten Weltkrieg erinnert, gibt es für alle Akteure noch viel zu tun.

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