Per Straßenbahn durch den Sprengelkiez

Horst Peters, SPD-Mitglied und bald 79 Jahre alt, ist gebürtiger West-Berliner und seit 43 Jahren Bewohner des Sprengelkiezes. 39 Jahre lang war er Qualitätsprüfer bei Siemens und ganze 59 Jahre Mitglied der IG Metall. In einem Gespräch erzählt er von der Geschichte des Sprengelkiezes, seiner Beziehung zur SPD und dem Leben in einem geteilten Berlin.

Foto Horst

F: Seit wann bist du in der SPD?

A: Ich komme aus einem SPD-Haushalt und wähle seit meinem 20. Lebensjahr SPD. Trotzdem bin ich erst vor 15 Jahren in die Partei eingetreten. Meine Frau hatte stets Bedenken, weshalb ich mich zurückgehalten hatte. Trotzdem hatte ich nicht zuletzt aufgrund meiner langjährigen Tätigkeit bei Siemens im Betriebsrat viel mit der Sozialdemokratie und dem örtlichen Ortsverein zu tun.

 

Hast du in diesen Jahren prominente Sozialdemokraten kennen gelernt?

Ich war bei Ernst Reuters historischer Rede am 9. September 1948 vorm Reichstag dabei, „Ihr Völker der Welt… schaut auf diese Stadt“…Dieses Ereignis hat mich sehr geprägt. Wir haben im Laufe der Jahre alle Berliner Oberbürgermeister zu uns in den Betriebsrat eingeladen. Und es kamen alle – bis auf einer: Willy Brandt. Der hat sich geweigert, trotz mehrmaliger Einladung. 1984 kam sogar Helmut Schmidt zu uns. Ein sehr netter Genosse, der allerdings stets darauf bestand, zu siezen. Das fand ich eher ungewöhnlich.

Du lebst schon sehr lange im Sprengelkiez, was hat sich in den vergangenen Jahrzehnten im Kiez verändert?

Vieles. Wusstest du, dass durch den Sprengelkiez mal eine Straßenbahn fuhr? Bis 1958 fuhr die 35 durch die Trift- und die Tegeler Str. und verband somit Moabit und Gesundbrunnen. Zu der Zeit habe ich zwar noch im Moabit gewohnt, aber meine Frau ist mit dieser Straßenbahn täglich zur Arbeit gefahren. Was ich vor allem erinnere sind die vielen kleinen Läden, die es nun alle nicht mehr gibt. Fleischereien, Reisebüros, Bäcker, es war alles hier. Viele Gastarbeiter haben damals bei uns gewohnt, auch viele Kollegen von Siemens. Weg gegangen sind wir damals hauptsächlich in Charlottenburg. Naja, in den Ostteil konnten wir ja nicht.

Wo warst du, als die Grenze 1961 endgültig dicht gemacht wurde?

Am 13.08.1961 habe ich mit meiner Frau in unserer Stammbäckerei Kaffee getrunken. Der Cousin des Bäckermeisters war aus Ost-Berlin zu Besuch. Da wir ein Auto dabei hatten, boten wir ihm später an, ihn an die Bernauer Str. zu fahren. Dort war an diesem Tag bereits ein Zaun errichtet worden. Der Cousin des Bäckermeisters ging hinüber auf die Ostseite und winkte uns zu. Wir sahen ihn nicht wieder.

Wie hast du die Teilung erlebt?

Meine Frau und ich hatten viele Verwandte in Berlin. Wir waren oft im Osten zu Besuch. Vor allem haben wir ihnen Geld mitgebracht. Mein Schwiegervater hat die Familie im Osten großzügig unterstützt. Leider konnte pro Person nur 250 Mark pro Monat eingeführt werden. Also sind wir einmal im Monat zu viert rüber, je 250 Mark in der Tasche, und haben drüben nett Kaffee getrunken und sind abends wieder nach Hause. Für unsere Besuche nutzen wir übrigens den Grenzübergang am heutigen Tränenpalast an der Friedrichstraße – unsere Verwandten wohnten zum Glück ganz in der Nähe.

Und den Mauerfall?

Am 9. November 1989 wollte ein Kollege Ausstand feiern. Treffpunkt war der Theodor-Heuss-Platz, von wo aus wir Richtung Norden raus fahren wollten. Als wir dort ankamen, bemerkten wir die Menschenmassen bereits. Wir hatten kurz zuvor bereits im Radio gehört, was passiert war, hätten aber nicht gedacht, dass es so viele Menschen auf die Straße ziehen würde. Mauerfall hin oder her, der Ausstand unseres Kollegen ging vor und so sind wir wie geplant aus der Stadt raus gefahren. Zur Mauer sind wir erst am 10. November gefahren. Gefallen war gefallen.

Interview: Nike Marquardt

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