Artikel aus der aktuellen Propagandistin - Finanzmarktkapitalismus und Nullzinspolitik

Veröffentlicht am 12.05.2018 in Europa

von Kolja Lummert 

Nach dem Börsencrash in den 2000er Jahren wird heute auf gefährliche Weise mit Geldern und Gütern spekuliert.  Welche Konsequenzen kann man politisch künftig vermeiden?
Jede*r Ökonom*in denkt gerne an die 60er Jahre zurück. Ein wesentlicher Grund dafür waren die enormen Investitionen in die Realwirtschaft, die damals so möglich wie nötig waren. Sie schufen Vollbeschäftigung und einen sozialen Wohlstand, den man zuvor so nicht kannte. Klar: Jede*r wollte einen Farbfernseher, ein Telefon, ein Auto, eine Waschmaschine - und all das musste von Menschen produziert werden.

 

Heute ist ein Großteil des damals riesigen Bedarfs gedeckt. Zwar taucht er in jedem Haushalt in Form eines defekten Gerätes alle paar Jahre mal wieder auf, ist aber bei weitem nicht so hoch. Dazu kommt, dass elektronische Geräte heutzutage viel einfacher und billiger hergestellt werden können. Die Folge ist, dass die Realwirtschaft den Investitionshunger oft nicht mehr deckt. Eine Methode, dennoch für Bedarf zu sorgen, sind bei der Herstellung der Geräte sogenannte Sollbruchstellen. Sie findet man vor allem bei billigen, heute aber oft auch schon bei teureren Geräten.

 

Genauso häufig investiert die Wirtschaft aber auch in sich selbst, das heißt sie spekuliert nur mit vorhandenen Geldern, ohne einen greifbaren Gegenwert zu schaffen. Diese Form der wirtschaftlichen Tätigkeit nennt man dann 'Finanzmarktkapitalismus'. Dessen Folge sind zum einen weniger Investitionen in die Realwirtschaft_Es wird kein greifbarer Gegenwert mehr geschaffen. Stattdessen investiert die Wirtschaft in spekulative Papiere. Fantastische Gewinne sind möglich, aber auch der Rutsch ins bodenlose, ähnlich dem „langgezogenen“ Börsencrash der 2000er Jahre. Bei der Vergabe von Krediten ist den Banken außerdem eine legale, aber gefährliche Buchgeldschöpfung möglich, wo Geldschöpfung sonst der Europäischen Zentralbank vorbehalten ist.

 

Kann es hier auch irgendwann zum Crash kommen, da sich Unternehmen und Banken einfach „verzockt“ haben? Wer bezahlt, wenn es sich um Unternehmen handelt, die „too big to fail“ sind, also unbedingt erhalten werden müssen? Staatsgelder hätten wohl Kürzungen im sozialen Bereich zur Folge, wären also für jede*n Sozialdemokrat*in ein Mittel, das zu umgehen wäre. Man kann sich fragen, was passiert, wenn die Spekulationsblase mal platzt.

Und: Was ist mit den Sparvermögen, wenn es wirklich mal zur Krise kommt?

 

Ein weiteres Problem unserer heutigen Wirtschaft stellt die 0-Zins-Politik dar. Da es sich nicht mehr lohnt, sein Geld bei den Finanzunternehmen anzulegen, wird immer häufiger in Immobilien investiert, die Preisschraube dreht sich immer weiter nach oben. Das Preispokern hat aber vor allem seine Folgen für diejenigen, die so viel Geld nicht aufbringen können. In der Regel werden die Investitionen auf die Mieten umgelegt, die für Normalverbraucher*innen immer weniger bezahlbar werden. So wirkt dann auch die Mietpreisbremse in ihrer jetzigen Form zu schwach, da die Spekulationen immer weiter gehen, die Schlupflöcher zu groß sind und die Leute sich nicht trauen, die Miete des Vormieters überhaupt zu erfragen.

 

Was können wir tun?

Die Spekulationen im Finanzmarktkapitalismus müssen viel klarer durch Gesetze geregelt und gefährliche Spekulationen verhindert werden. Der Finanzmarkt bekäme ein Korsett, das ihn mehr auf das Wohle der Bevölkerung ausrichten könnte. Strenge Regeln bei der Schöpfung von Buchgeld sind nötig. Abschließend müssten die Zinsen wieder angehoben und stattdessen Vergünstigungen bei Investitionen in die Realwirtschaft geschaffen werden.