Artikel aus der aktuellen Propagandistin - Gentrifizierung geht durch den Magen

Veröffentlicht am 15.05.2018 in Bezirk

von Bastos Jüngst 

Ein Gespenst geht um im Sprengelkiez – das Gespenst der Gentrifizierung. Bei uns zeigt es sich vor allem in kulinarischer Form. Die Raffinesse dabei: Bis diese Gourmet-Gentrifizierung verdaut ist, dauert es. Und ehe man weiß, was hinten bei rauskommt, ist es auch schon zu spät. 

Gentrifizierung hat ja bekanntlich viele Gesichter. Anders als bei unseren Nachbarn, den „Friedrichshainis“ und „Prenzlwichsern“, erkennt man sie in unserem Kiez jedoch weniger an Hipster-Horden und Kinderwagen-Kolonnen. Klar: Auch bei uns gibt es diese Gentrifizierung-All-Time-Classics. Genauso wie Mietsteigerungen und Microapartments. Doch das auffälligste Merkmal der Gentrifizierung im Sprengelkiez ist und bleibt der Wandel der kulinarischen Landschaft. 

 

 

 

Über die Jahre sind urige Eckkneipen, schmuddelige Dönerbuden und grundsolide Pizzerien von der Bildfläche verschwunden. Stattdessen erblühte eine Vielfalt an Köstlichkeiten wie aus 1001 Nacht. Allein aus dem asiatischen Raum hat der Sprengelkiez fast alles auf der Speisekarte: Japanisch, Indisch, Vietnamesisch, Taiwanesisch, Sri Lankanisch und Tamilisch. Koreanisch gibt es sogar zwei Mal – ganz wie im echten Leben.

An Berlin – und dem Sprengelkiez – wird ja für gewöhnlich das zeitgleiche Nebeneinander der Gegensätzlichkeit geschätzt und geliebt. Sozusagen die Vollendung der Hegel’schen Dialektik: Hier leben arm und reich, alt und jung, deutsch und international, zugezogen und alteingesessen. Seite an Seite. Nicht getrennt in Stadtvierteln, sondern zusammen im Kiez. 

Das gilt nicht nur sozio-kulturell, sondern auch sozio-kulinarisch. Berlin ist das Zentrum der Hochglanz-Gastronomie. 21 Restaurants dürfen sich mit einem Michelin-Stern schmücken. Berlin ist aber auch das Mekka des Trash-Foods. An fast jeder Ecke gibt es Döner und Falafel – mitunter für gespenstisch wenig Geld. Neue Trends wie Streetfood-Märkte und polnische Pieroggen ergänzen Traditionelles wie Eisbein, Currywurst und Pfannkuchen.

Diese Einheit in Vielfalt wird auch im Sprengelkiez gelebt – noch. Kiezinstitutionen wie der Lindengarten und Deichgraf bieten Bodenständiges und Klassisches, Neueröffnungen wie das Kubi und Cozy Mazu Ausgefallenes und Modernes.

Damit Berlin – und der Sprengelkiez – so lebens- und liebenswert bleiben, sollte uns daran gelegen sein, diese Mischung zu erhalten. Sozio-kulturell ebenso wie sozio-kulinarisch. Denn diese Mischung ist einzigartig. Sie ist das Salz in der Suppe. (Dass es gerade Zugezogene sind, die diese Suppe mit Lobeshymnen löffeln und gleichzeitig versalzen, ist süß-saure Ironie des Schicksals.) 

Doch was genau heißt das für unseren Kiez? 

Griechische Tapas, österreichischer Strudel und italienische Paninis sind lecker. Keine Frage. Doch Döner, Falafel und Schnitzel dürfen eben auch nicht fehlen. Das Eine darf nicht auf Kosten des Anderen gehen. Beides hat seine Berechtigung. Beides ist eine Bereicherung. Und beides braucht seinen Platz in unserem Kiez. 

Bayrisches Flaschenbier und Gin Tonic gibt es mittlerweile an jeder Ecke. Frisch gezapftes Schulle, flankiert von einem Futschi. Das ist das, was wir (wieder) brauchen. Alter Wein in neuen Schläuchen sozusagen. 

Um dem Gespenst der Gourmet-Gentrifizierung Einhalt zu gebieten, gibt es nur einen Weg: Kulinariker aller Geschmäcker vereinigt euch! Kostet ruhig das Neue. Aber konserviert dabei das Alte.