Artikel aus der aktuellen Propagandistin - MESSIAS WIDER WILLEN?

Veröffentlicht am 13.11.2018 in Bezirk

von Bastos Jüngst 

Seit der GroKo-Debatte ist der Hype um Ju- so-Chef Kevin Kühnert groß. Ob gewollt oder nicht: Kühnert ist für viele SPD-Mitglieder dergroße Hoffnungsträger – für die Erneuerungder Partei und für eine Renaissance der Sozi- aldemokratie. Auf den Spuren eines Messias wider Willen.

Kühnert war das Sprachrohr der NoGroKo- Bewegung. Trotz der Mobilisierung 24.000 neuer Parteimitglieder und einer hoch professionellen Kampagne der Jusos sprach sich eine deutliche Mehrheit der SPD-Mitglieder für die GroKo aus. Doch der aufgehende Stern der SPD bewies in den Monaten nach der Regierungsbildung, nicht nur eine Sternschnuppe zu sein. Das TimeMagazine kürte ihn zum „Next GenerationLeader“. Er wurde in den Parteivorstand der SPD gewählt, dem höchsten Parteigremium. Denn Kühnert verkörpert wie kein anderer die Sehnsucht und den Willen nach einer neuen SPD – jünger, digitaler, linker.

Wie kommt es, dass ein 29 Jahre junger Politikstudent und Kommunalpolitiker aus Tempelhof-Schöneberg zur Projektionsfläche so vieler Hoffnungen und Wünsche wird? Eine Spurensuche:

Es ist Ende Juni. 100 Tage GroKo. Zeit für eine Bilanz. Auf Einladung von vier SPD-Abteilungen kommt Kühnert ins Centre Français nach Mitte. Wer mit überwältigendem Andrang rechnet wie zu Hochzeiten der GroKo-Debatte, wird enttäuscht. Rund 60 Interessierte sind gekommen. Der Raum ist gut gefüllt, doch einige Stühle bleiben leer. Wer mit einem Auftritt rechnet ähnlich des Einzugs Jesus nach Jerusalem, wird ebenfalls enttäuscht. Kein Pomp, keine Fanfaren, keine jubelnde Menge.

Kühnert kommt in Turnschuhen und schwarzem Schlabber-Pulli. Unscheinbar und zurückhaltend wirkt er, nahezu harmlos und bieder. Doch der Schein trügt. Wenn Kühnert das Wort ergreift, entfaltet er Präsenz. Messerscharf und schonungslos analysiert er die Lage seiner Partei. Allzu oft wolle die SPD es allen recht machen. Doch „[...] eine Partei, die es allen recht machen will, werde letztlich niemandem gerecht.“ Er ist kritisch, aber konstruktiv, wortgewandt und punktgenau. Die SPD brauche wieder ein Alleinstellungsmerkmal, eine Vision über das Tagesgeschäft hinaus. Sie dürfe nicht zu einer „Koalitionsvertragsabarbeitungspartei“ werden.

Despektierliche Worte für die GroKo-Befürworter*innen sucht man vergebens. Kühnert ist weder rechthaberisch noch besserwisserisch. Er möchte weniger zurückschauen, sondern vielmehr nach vorne blicken. Und wie sieht die Zukunft aus? 

Kühnert fordert von seiner Partei wieder mehr Haltung und Mut – auch um zu polarisieren. Eine erneuerte SPD ist für ihn fortschrittsorientiert, solidarisch, sozial. Dieser Prozess gelinge nicht von heute auf morgen: „Die Erneuerung braucht Zeit. Wir müssen geduldig sein und dürfen nicht zynisch werden“.

Kühnert zeitigt einen neuen Politiker-Typus. Jung, authentisch, unbekümmert. Kein Herumlavieren à la Merkel. Pragmatisch ja, beliebig nein. Kein Basta à la Schröder, keine Polemik à la Wagenknecht. Ruhig im Ton, doch klar in der Sache.

So verlässt man nach rund zwei Stunden das Centre Français mit einem eigenartigen Gefühl. Es gibt keine standing ovations, nur vereinzelt ein paar Selfies. Kühnert verbreitet keine überbordende Euphorie,aber eine zarte, irgendwie unerschütterliche Zuversicht, dass
die Umfragetiefs der SPD ein Ende finden werden – nicht etwa wegen eines Messias, der erschienen ist und alle in seinen Bann zieht,sondern wegen eines Hoffnungsträgers mit Bodenhaftung und klarenVisionen.